Indivumed GmbH

Jetzt einsteigen, Leinen los!

Mit der Trennung vom Biobank-Service-Geschäft hat sich die Hamburger Indivumed als Therapeutika-Biotech neu positioniert. Die früheren ­Arbeiten bleiben der Kern des medizinischen Wissens und die Quelle ­neuartiger Targets. Um die bereits vorvalidierte Auswahl schneller voranzubringen, werden nun Partner gesucht. Die Resonanz sei groß, sagen Matthias Evers und Hartmut Juhl im Gespräch mit ltranskript.

transkript. Herr Juhl, Herr Evers, wir begleiten Indivumed schon länger, weil wir darin ein Beispiel sehen, wie sich aus einem Dienstleistungs-Geschäftsmodell ein Biotech-Unternehmen mit eigener Wirkstoffpipeline entwickelt. Was hat sich seit unserem letzten Gespräch vor einem Jahr getan und verändert?
Evers.Vor einem Jahr stand vor ­allem die Öffnung unserer Schatztruhe in Richtung Antikörperentwicklung im Mittelpunkt. Inzwischen haben wir ein umfassendes Target-Universum aufgebaut und allein im Bereich Darmkrebs rund 25 Targets priorisiert. Parallel dazu haben wir eine Antikörper-Triage auf ­Basis von Organoidmodellen etabliert und schließen derzeit den Validierungs-Loop. Gleichzeitig sind wir auch bei Small Molecules deutlich vorangekommen.

transkript. Versteht der Markt heute besser, wofür Indivumed steht?
Juhl.Indivumed wird zunehmend als hochinnovatives Biotech-Unternehmen mit eigener Pipeline wahrgenommen. Wir verstehen uns dabei nicht als reine Target Company. Unser Ansatz besteht darin, Patientenprofil, Target und passende therapeutische Modalität in einem Gesamtpaket zusammenzuführen und dadurch Entwicklungsrisiken früh zu reduzieren. Ein isoliertes Target allein reicht heute nicht mehr aus.

transkript. Der Biotech-Sektor war damals nicht wirklich ­dynamisch. Wie hat sich das Markt­umfeld entwickelt?
Evers.Vor einem Jahr war die ­Situation im frühen Entwicklungsbereich noch deutlich schwieriger, aber sehr viel ­besser ist es noch nicht geworden. Mit belastbaren klinischen Daten gerät man inzwischen zumindest wieder stärker in den Fokus potenzieller Partner und Investoren. Vor der Klinik bleibt der Weg jedoch anspruchsvoll und kapitalintensiv und genau da liegt unsere Chance.

transkript. Wenn wir genauer auf Ihre Pipeline schauen: Auf welcher Indikation liegt aktuell Ihr Fokus?
Juhl. Auch wenn unsere Bio- und Datenbank Patientenkohorten von über 10.000 verschiedenen Tumoren umfasst – mit beispielsweise Lunge, Leber, Pankreas, Niere, Ovar –, liegt unser Fokus aktuell auf Dickdarmkrebs. Hier besteht weiterhin ein hoher medizinischer Bedarf und zugleich attraktive Marktchancen. Unsere rund 25 identifizierten ­Targets zeigen das Potenzial unserer Plattform. Besonders wichtig ist dabei die Validierung unseres Ansatzes: Wir haben sämtliche zugelassenen Wirkmechanismen bei Darmkrebs gegen unsere Screeningmodelle getestet und können mehr als 83 Prozent davon abbilden. Für die übrigen Mechanismen gibt es nachvollziehbare biologische Gründe, weshalb sie im Standardsetting nicht sichtbar werden. Solche Ergebnisse bleiben in der Pharmaindustrie nicht unbemerkt und öffnen Türen für neue Partnerschaften.

transkript. Hilft die lange Vorgeschichte von Indivumed heute oder ist dieses Kapitel abgeschlossen?
Juhl.Die lange Vorphase bildet das belastbare Fundament des heutigen Unternehmens. Ohne diese wären wir nicht da, wo wir heute sind. Der Verkauf des Servicegeschäfts hat uns finanziell deutlich gestärkt, ohne dass dabei frühere Vorarbeiten an Bedeutung verloren hätten. Im Gegenteil: Wir nutzen unser Fundament an hochqualitativem Gewebe, patienten­nahen molekularen und klinischen Daten und können uns nun mit deutlich höherer Geschwindigkeit auf das konzentrieren, was von Anfang an unser Ziel war: die eigene Entwicklung neuer Krebstherapeutika.

transkript. Bei so vielen Targets stellt sich zwangsläufig die Fokussierungs-, aber auch die Finanzierungs­frage. Wie können und wollen Sie diese große Anzahl stemmen?
Evers.Es geht nicht nur um Kapital, sondern auch um strategische Partner für frühe Entwicklungsprojekte. Im kleineren Umfang machen wir das bereits heute gemeinsam mit mehreren Top-Pharmaunternehmen in der Projekt­forschung. Daraus entwickelt sich aktuell eine deutlich stärkere Resonanz. Für uns geht es um Geschwindigkeit, aber dies gilt natürlich ebenso für potenzielle Partner. Der Zugang zu unseren Targets wird nicht unbegrenzt offenbleiben. Entscheidend ist dabei: Unser Angebot geht weit über Targets hinaus. Wir können nicht nur neue Targets identifizieren, sondern auch einschätzen, welche Patientenpopulation den klinischen Nutzen trägt und ob beispielsweise ein ADC, ein bispezifischer Antikörper oder eine andere Modalität der richtige Ansatz ist. Die Validierungskaskade führen wir selbst durch und generieren mit spezifischen Sequenzen und Epitopen ­zusätzlich wertvolles Intellectual Property. Damit verfügen wir über eine sehr breite technologische Basis.

transkript. Liegt in der großen Breite nicht auch eine Gefahr?
Juhl.Die größere Gefahr liegt eher auf wissenschaftlicher Ebene, weil naturgemäß vieles hochinteressant erscheint. Deshalb werden wir Schritt für Schritt diejenigen Programme priorisieren, die hinsichtlich Zeitachse, medizinischem Nutzen und Marktpotenzial am sinnvollsten sind.

transkript. Trotzdem bleibt dieser eigene wissenschaftliche Antrieb auch ein Wesenskern Ihres Unternehmens, die Detailtiefe in patienteneigenen Geweben und Organoidmodellen als Testumgebung für Wirkstoffe ist und bleibt Ihre Geheimwaffe?
Juhl. Absolut. Nur in diesen Organoiden hat man patientenrelevante Modelle, in denen man sowohl Wirksamkeit als auch Sicherheit eines Wirkstoffes testen kann. Die große Welle um solche Organoidmodelle, die sich auch in einigen großen Pharmafirmen sogar bis zur Etablierung neuer Forschungsinstitute aufbaut, ist ein deutlicher Hinweis, wohin die moderne Krebsforschung gerade läuft. Aufgrund unserer hohen Gewebequalität, die wir in unseren Partnerkliniken weltweit unter denselben Standards gewinnen, bauen wir unsere eigene Organoid-Biobank auf, mit der wir unsere Targets nicht nur validieren, sondern Patienten stratifizieren und die Modalitäten auf Funktionalität testen.

transkript. Ein ganz anderes Thema, aber es bewegt die Community nach unserer Wahrnehmung überall auch auf den Partneringkonferenzen: Muss sich Europa angesichts der Dynamik in China Sorgen machen?
Evers.China hat sich zu einem hochdyna­mischen Markt entwickelt, insbesondere mit Blick auf klinische Entwicklungsgeschwindigkeit und Infrastruktur. Gleichzeitig suchen chinesische Unternehmen – wie westliche Pharmafirmen auch – nach neuen Targets oder schnelleren Wegen bei bekannten Ansätzen. Deshalb könnten chinesische Partner durchaus gut zu uns passen. Angst ist aus unserer Sicht jedoch fehl am Platz, wenn man den eigenen Wert realistisch einschätzen kann. Auch deshalb sehen wir jetzt den richtigen Zeitpunkt gekommen: Indivumed ist wie ein kleines Schnellboot mit laufendem Motor im Hafen, bereit, die Leinen zu lösen und gemeinsam mit seinem internationalen Onkologen-Netzwerk mit hoher Geschwindigkeit Richtung Klinik aufzubrechen. Wer zu spät kommt, wird vom Ufer aus zusehen müssen.

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